Der Geschichtenwal ist in Seemannsgarn verstrickt, dabei ist er doch seit ewigen Zeiten der Bewahrer fabelhafter Geschichten. Das war immer so und soll so bleiben! Schmerzerfüllt sitzt er am orangeblonden Strand fest und weint der Wahrheit hinterher.
Flocci entwirrt mit unerschütterlicher Ruhe die Knoten der Netze, die ihn gefangen halten. Ihre Finger befreien geschickt die verhedderten Halbsätze und trennen so Wahrheit von Botschaft. Ihre Hände arbeiten schnell und präzise.
Hoch oben behält Polly den Überblick. Vom Helikopter aus gibt sie präzise Anweisungen. Sie sitzt in der offenen Kabine, allzeit bereit mit Rollschuhen und Fallschirm, um im Notfall einen Sprung auf den meterlangen Laufsteg im Meer zu riskieren.
Unten koordiniert Claus die Datenmaschinen. Seine Profession als anleitender Professor an der Walrossschule für Soziolinguistik hilft ihm nun, Dinge zu verstehen. Er weiß, wie man schwere Materie bewegt und nutzt dieses Wissen. Er spricht wissend und routiniert Anweisungen in sein Megaphon: „Biip-biip-büüü-Robo, übersetze das Klicken des Wals in ein binäres Stakkato! Wandle den Schmerz des Tieres in verarbeitbare Daten. Cancele das Dada-Doing für einen Moment und beruhige den Geschichtenwal mit der rührenden Melodie eines Seemannsliedes!“
Biip-biip-büüü-Robo versteht sofort. Mit robostarker Autorität passt er seinen Dialekt an die Schwingungen des Wassers an und singt sein sentimentales Lied von Aufbruch und Freiheit: „Rausch, rausch, rausch davon, mein kleiner Wal. Lass dich nicht ein auf diese Qual.“
„Ganz ruhig“, ergänzt Claus im Singsang, „wir sprechen alle dieselbe Spra-a-a-a-a-ache, die Spra-a-a-a-a-ache der Frei-ei-ei-ei-heit.“
„Hört, hört“, kichert Flocci. Sie kann Claus einfach nicht ganz ernst nehmen, wenn ihr Mann sich so aufplustert, aber sie lässt ihm diesen Pluster-Moment (wenn es denn hilft).
Ein plötzliches Bäämm-buuum-bäämm übertönt das Gegröle in der Hafenkneipe. Mit einem gewaltigen Schlag seiner Flosse reißt sich der Geschichtenwal los. Das Wasser schwappt meterhoch. Er ist endlich frei! Der schiefe Gesang war ihm zu viel und er ergreift die Flucht über das Meer. Zum Abschied stößt er eine gewaltige Fontäne aus, die sich wie ein warmer Regen auf die Szenerie niederlegt. Weinend vor Glück liegen sie sich alle in den Armen. Die ersten machen sich schon eine Dose alkoholfreies Bier auf.
Pitschepatschenass rudern Null und Eins zurück an Land, die Rettungsaktion sicher auf der Digi-Cam gespeichert. Sie sehen aus wie begossene Pudel, aber die Nässe tut ihrer Quietschfideligkeit keinen Abbruch.
Die Luft riecht nach Algen. Der Wal ist auf dem Weg nach Hause. Im Hafen feiern Junggesellinnen den Abschied.
