Claus sitzt auf seinem Gymnastikball irgendwo im Randgebiet einer leuchtenden Stadt und denkt über Wörter, ihren Klang und ihre Herkunft nach. Er spricht ganze Wörter und einzelne Silben leise vor sich hin, verschiebt sie, puzzelt sie; hier fehlt ein Wort am Anfang, hier eins mittendrin und hier am Ende.

Ein Semikolon gefällt ihm, nicht unbedingt vom Charakter, wohl aber visuell. Es wirkt manchmal aufgeblasen, nein, nicht typografisch, aber inhaltlich! Junge, Junge.

Ein Semikolon ist ein Dandy-Satzzeichen. Es ist elegant und manchmal wohl auch verbindend. Es kann aber schnell so wirken, als wolle es sich über das gemeine Volk der Kommata und Punkte erheben. Ein Semikolon wird oft gesetzt, ausgenutzt, um einem Text eine Wichtigkeit zu verleihen, die, gottlob, einfach nicht gegeben ist.

Trotzdem erinnert das Semikolon Claus an einen flötenden Mund mit schmalem Kinnbart oder an einen spitzen Schuh, von oben betrachtet. Um Buchstaben und Satzzeichen aneinanderzureihen, braucht es (leider) auch immer einen Sinn, einen Grund, einen Zweck; es sei denn, man oder Frau ist Dadaist*in oder Typographierende. Dann bräuchte es zwar keinen inhaltlichen, sehr wohl jedoch einen ästhetischen Sinn. Dahingestellt.

Claus beschließt bei dieser sich bietenden Gelegenheit, einen Text über Ästhetik zu schreiben. Beim Nachsinnen über Ästhetik könnte er nun endlich wieder Buchstaben auswählen, Wörter und Sätze leise vor sich hin sprechen, formulieren, feilen, wichsen und polieren, in den Schreibblock kritzeln, später abtippen, veröffentlichen, einen DOI beantragen, bei der Verwertungsgesellschaft Wort hochladen und auf 35 Cent Jahresausschüttung hoffen.

Er könnte „schön“ von „schonend“ herleiten und „hässlich“ von „hasserfüllt“. Er könnte behaupten, wer sich schonend verhält, sei per se schön, und wer unschön agiert, sei hässlich im Charakter und, bei der Gelegenheit, gleich auch als Körper. Er könnte eine schöne Welt kreieren, im Geist, in der Vorstellung, in Worten, und die Hässlichkeit aus ihr verbannen. Das Hässliche ist bäh; das Hässliche sei das Zerstörerische, das Rücksichtslose und das Laute.

Das Hässliche und Laute findet seine Form im Ausrufezeichen als typografischer Übergriff: ein zwar kostbarer, aber dennoch billiger Pfennigabsatz, der sich fordernd in den flauschigen Teppich, den weichen Bärenvorleger vorm Kamin, bohrt und eine tiefe, bleibende Spur im Gewebe und in den schreckhaften Köpfen der Betrachter hinterlässt.

Wer interpunktiert, wer das Semikolon wie einen spitzen Schuh rücksichtsvoll zwischen zwei Sätzen platziert, Sätze verbindet, statt sie auseinanderzukeilen, der betreibt aktive Friedenspolitik.

Claus machen solche Überlegungen Spaß. Die Übertragbarkeit seiner Ideen ins reale Leben – mal ehrlich, who cares, wen kümmert’s? Andererseits: Sind nicht grad Friedensverhandlungen? Irgendwo auf der Welt sind wohl immer welche. Mögen sie alle zu ewig anhaltenden Frieden führen!